{"id":270,"date":"2021-11-26T20:18:26","date_gmt":"2021-11-26T19:18:26","guid":{"rendered":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/?p=270"},"modified":"2021-11-26T20:25:07","modified_gmt":"2021-11-26T19:25:07","slug":"nichts-bleibt-wie-es-war-10-jahre-sind-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/?p=270","title":{"rendered":"Nichts bleibt, wie es war  \u2013 10 Jahre sind genug"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erkl\u00e4rung der iL M\u00fcnster: Warum wir nicht mehr in der interventionistischen Linken Politik machen wollen<\/strong><\/p>\n<p>Seit den Anf\u00e4ngen der iL waren Genoss*innen aus M\u00fcnster dabei: bei den Beratungstreffen, in Heiligendamm oder bei \u201eCastor schottern\u201c. 10 Jahre haben wir als iL- Gruppe in M\u00fcnster Politik gemacht. In all den Jahren haben wir auch Verantwortung f\u00fcr die Gesamtorganisation \u00fcbernommen. Nach der Krise der radikalen Linken in den 1990er Jahren und in den Aufbr\u00fcchen der globalisierungskritischen Bewegung der 2000er war die iL f\u00fcr uns ein linksradikales Projekt, das nach einer Organisierung neuen Typs suchte, aus der Subkultur hinauswollte, eine strategische B\u00fcndnisorientierung betrieb und mit neuen Aktionsformen experimentierte.<!--more--><\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe (oder dem Acker) haben wir durch Interventionen in die Anti-AKW-Bewegung mit \u201eCastor schottern\u201c versucht den Zivilen Ungehorsam der Sitzblockade massenhaft zu radikalisieren. In einer europ\u00e4ischen Kampagne wie Blockupy haben wir die Brutalit\u00e4t bundesdeutscher Austerit\u00e4tspolitik offengelegt und Signale internationaler Solidarit\u00e4t gesetzt. Damit wollten wir unter Bewegungs-, Gewerkschafts- oder Parteiaktivist*innen, aber auch unter Leuten, die sich erstmals an solchen Pro-testen beteiligten, einen Sinn f\u00fcr Militanz wecken, den sie dann f\u00fcr sich selbst fruchtbar machen konnten \u2013  in Eigenregie. Das ist uns damals auch gelungen.<\/p>\n<p>Die Idee, aus diesen K\u00e4mpfen und Interventionen heraus die Aufgabe einer radikalen Linken weiter zu bestimmen, \u201eauf den Prozess zu setzen\u201c, hat allerdings dazu gef\u00fchrt, dass in der Gesamt-iL Bildungs- und Theoriearbeit nie systematisch betrieben wurde. Und das war zu Anfang auch gewollt. 2004 hatten wir uns in aller Unterschiedlichkeit entschieden, zun\u00e4chst praktisch zusammenzukommen und von dort aus Gemeinsames und Unterscheidendes zu bestimmen. Wir wollten \u201eSand im Getriebe\u201c sein, ein \u201eProjekt in Bewegung, das sich durch Intervention in praktische K\u00e4mpfe entwickeln will.\u201c (Aufruf zur zweiten Offenen Arbeitskonferenz der IL, Marburg 2008). All das aber hat sich sp\u00e4testens 2015 gegen uns gewandt. Nach unserer Niederlage im Kampf gegen die Austerit\u00e4tspolitik der EZB, die sich so dramatisch in Griechenland zeigte, brachten wir keine strategische Bestimmung mehr zustande. Andere sahen das Problem bereits mit dem ersten Zwischenstandspapier aufkommen, in dem \u2013 zumindest aus heutiger Perspektive \u2013 bereits der b\u00fcrokratische Verlauf der Organisationsfrage angelegt war.<\/p>\n<p>Das Scheitern der europ\u00e4ischen Linken in der Zeit nach Blockupy, die Perspektivlosigkeit, die sich daraus ergab, konnten wir als iL politisch nicht mehr einholen. Bereits auf den Sommer der Migration und darauf folgend auf den Aufbruch der Klimabewegung, die Proteste gegen die AfD, G20-riots, Black Lives Matter, die feministischen globalen Aufbr\u00fcche etc. hat die iL keine \u00fcberzeugenden Antworten mehr gefunden, die anders gewesen w\u00e4ren als \u201ewir sind dabei\u201c. Nichts an unseren Reaktionen war kreativ und radikal, weder unsere Sprache noch unsere Aktionen.<\/p>\n<p>Zudem konnten wir nicht mehr klar benennen, worin die aktuellen Ver\u00e4nderungen und Anpassungen des Kapitalismus bestehen und worauf sich deshalb unsere K\u00e4mpfe beziehen sollten. Vielmehr wurde das Gegenstand unserer K\u00e4mpfe, was gerade en vogue war und wo sich, wirklich oder scheinbar, etwas bewegte. Als iL und in der iL haben wir es nicht geschafft unsere politischen Optionen und Annahmen (strategische B\u00fcndnisorientiertung, Ziviler Ungehorsam etc.) kritisch zu reflektieren, neu- und weiterzudenken oder auch zu verwerfen und gemeinsam nach linksradikalen Antworten in einem sich ver\u00e4ndernden kapitalistischen Akkumulationsregime zu suchen. So haben wir z.B. den Zivilen Ungehorsam professionalisiert und ritualisiert und statt zum Motor der K\u00e4mpfe wurde die postautonome Linke zu ihrem Ordnungsfaktor. Die Anschlussf\u00e4higkeit der Aktionsformen ersetzte eine weitere Zuspitzung \u2013 der Weg der kleinen Schritte durch Alltagsk\u00e4mpfe, Basisorganisierung und Mehrheitswerdung. Konzepte wie \u201eNeue Klassenpolitik\u201c wurden in der iL zu Schlagworten f\u00fcr das politische Handeln, anstatt sie zu diskutieren und zu \u00fcberlegen, was und wie sie mit unserem eigenen Politikverst\u00e4ndnis zu tun haben. So aber gelangen wir nicht zu einer linksradikalen Praxis, die ihre Unvers\u00f6hnlichkeit mit den Verh\u00e4ltnissen in diese Gesellschaft tr\u00e4gt!<\/p>\n<p>Wir haben es trotz zahlreicher Versuche nicht geschafft eine Debatte in der iL auszul\u00f6sen, die gekl\u00e4rt h\u00e4tte, warum all das so ist, warum bew\u00e4hrte Konzepte immer weniger funktionieren, warum viele der Antworten heute gar nicht mehr stimmen. Vielmehr hat die iL versucht, die eigene Ratlosigkeit und den Ideenverlust durch eine gro\u00dfe, vermeintlich schlagkr\u00e4ftige, nach innen funktionst\u00fcchtige Organisation zu ersetzen. Dabei wurde die Parole von der \u201eIL der 5000\u201c unkritisch \u00fcbernommen und damit auch das quantitative Wachstum nach au\u00dfen und die innere Konzentration auf den Aufbau von Strukturen. Wir wollten eine Organisierung neuen Typs und haben eine Organisation bekommen, die ihre Politik eher als Verwaltung denn als Suche nach radikalen Antworten versteht.<\/p>\n<p>Indem wir gewachsen sind, sind die gesellschaftlichen Probleme zunehmend auch zu unseren internen Problemen geworden: Wir haben die neoliberale Subjektivierung und damit z. B. den Ersatz von Politik durch Moral ins Innere unserer eigenen Organisation geholt. So finden wir in diesem Rahmen keine Auswege mehr. So tr\u00e4gt die iL nicht mehr dazu bei, Subjekte linksradikaler Politik hervorzubringen. Stattdessen verf\u00e4llt sie in einen Kollektivismus, der in einer zu gro\u00dfen Verschiedenheit der Politik- und Organisationsvorstellungen vor allem eine Bedrohung erblickt und der eine abstrakte Loyalit\u00e4t zur Organisation als wichtigste Tugend zu begreifen scheint.<\/p>\n<p>Wir sind unzufrieden mit der Politik, die wir selbst seit Jahren machen. Wir sind unzufrieden mit unserer eigenen Ohnmacht angesichts sich zuspitzender Verh\u00e4ltnisse. Sozialdemokratische Politik wird mit einem linksradikalen Habitus verkn\u00fcpft und blockiert die Entfaltung strategischer \u00dcberlegungen grunds\u00e4tzlicher Art. Wir wollen aber wissen, wie eine radikale linke Politik heute aussehen m\u00fcsste. Doch liegen diese Ideen auch au\u00dferhalb der iL weder auf der Hand noch auf der Stra\u00dfe \u2013 so ist die Krise der iL Teil einer viel umfassenderen Krise radikaler linker Politik in der BRD und dar\u00fcber hinaus. Corona hat diese Krise und das Versagen der Linken, eine politische Option jenseits des staatlichen Handelns zu formulieren, f\u00fcr ein radikales Leben einzustehen und damit eine Alternative zur Traurigkeit staatlich-kapitalistischer Verwaltung aufzuzeigen, neu in unser Bewusstsein geholt. Wir haben diese Fragen in die iL getragen und sind in ihr und an ihren inneren Strukturen immer wieder gescheitert.<\/p>\n<p>Daher lautet unser vorl\u00e4ufiges Fazit: Gemeinsam kommen wir nicht weiter voran \u2013 deswegen trennen wir uns nun als Gruppe von der iL. Wir werden als EXiL weiterhin bundesweit und internationalistisch Politik machen und uns neue Banden suchen, mit denen wir gemeinsam Wege linksradikaler Existenz finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>M\u00fcnster, November 2021<\/p>\n<p>EXiL<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erkl\u00e4rung der iL M\u00fcnster: Warum wir nicht mehr in der interventionistischen Linken Politik machen wollen Seit den Anf\u00e4ngen der iL waren Genoss*innen aus M\u00fcnster dabei: bei den Beratungstreffen, in Heiligendamm oder bei \u201eCastor schottern\u201c. 10 Jahre haben wir als iL- &hellip; <a href=\"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/?p=270\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5111,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-270","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5111"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=270"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":271,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/270\/revisions\/271"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=270"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=270"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ilmuenster.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=270"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}